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Weish 1,13-15; 2,23-24; 2 Kor 8,7. 9. 13-15; Mk 5,21-43

Wunder - veraltete Geschichten?

Das ist doch zu schön, um wahr zu sein: Eine Frau wird von jahrelangem Leiden geheilt, indem sie heimlich die Kleidung Jesu berührt. Und ein Mädchen, durch den Tod mitten aus ihrem jungen Leben gerissen, wird wiederbelebt und ihrer Familie zurückgegeben. Wir aufgeklärt denkenden Menschen haben mit solchen Wundererzählungen so unsere Schwierigkeiten. Handelt es sich hier also um alte Geschichten, die uns heute nichts mehr zu sagen haben? Ich denke, dem ist nicht so. Wenn wir aber die tiefere Botschaft dieser Erzählungen verstehen wollen, dürfen wir nicht in der Tatsachenfrage stecken bleiben. Wir müssen uns auf den inneren Prozess der "Wieder-Belebung", des Wieder-Lebendig-Werdens, einlassen, den das Mädchen und die Frau durchmachen.

Ich möchte dazu die Geschichte der sogenannten blutflüssigen Frau in den Mittelpunkt dieser Predigt stellen. Da regt sich in manchen von Ihnen vielleicht nochmals Widerstand: Das ist doch eine Frauengeschichte, es geht um eine Frauenkrankheit; über so etwas spricht man nicht, schon gar nicht in der Kirche! Aber ich denke, die heilsame Erfahrung, die diese Frau macht, kann uns allen, auch den Männern, Mut machen. Lassen Sie uns das Geschehen doch einmal aus der Sicht dieser Frau betrachten.

Sich im Geben verausgaben

Das ganze Leben dieser Frau ist geprägt von ihrer Krankheit. Aber wegen dieser Krankheit erfährt sie nicht etwa besondere Zuwendung und Fürsorge, im Gegenteil: Nach den Gesetzen der damaligen Zeit ist sie wegen ihrer Blutungen "unrein". Alles, was sie berührt und jeder, der sie berührt wird dadurch selber "unrein". So ziehen sich die Menschen von ihr zurück. Die Frau leidet also nicht nur körperlich seit langer Zeit, sondern ist auch einsam und wird sogar diffamiert. In ihrer Verzweiflung hat sie viele Ärzte konsultiert. Aber deren Behandlung und Ratschläge verschlimmerten ihr Leiden an der Krankheit nur noch. Schließlich hat sie ihr ganzes Geld für Behandlungen und Kuren ausgegeben. So kommt zur körperlichen, seelischen und sozialen Not noch die finanzielle.

Wie lässt sich das Lebensgefühl dieser Frau beschreiben? Die Art ihrer Krankheit führt es uns deutlich vor Augen: Alle Lebensenergie, durch das Blut symbolisiert, und alle Lebenslust entweichen unaufhaltsam aus ihr. Sich zu verströmen, sich zu verausgaben, ohne jemals etwas dafür zu bekommen - darin sieht sie ihre Lebensaufgabe als Frau. Sie gibt und gibt, ohne sich selbst zu nehmen. Die Waage des Gebens und Nehmens ist in ihrem Leben aus dem Gleichgewicht geraten. So schwinden ihr seit langem die Kräfte.

Geben und Nehmen

Vielleicht haben Sie ihrem Leben schon ähnliche Erfahrungen gemacht. Es gibt Phasen, in denen viel von uns gefordert wird. So müssen Frauen von kleinen Kindern viel geben. Zusätzlich müssen sie manchmal noch Berufstätigkeit damit vereinbaren. Auch die Pflege alter und kranker Angehöriger kann Frauen rund um die Uhr fordern. Männer sind eher im Beruf gefordert und stehen in Zeiten hoher Arbeitslosigkeit unter zusätzlichem Druck. Dabei können wir uns verausgaben und an die Grenzen unserer Kraft kommen, bis wir uns selbst nicht mehr spüren. Oft werden wir erst durch eine Lebenskrise, eine Krankheit daraus aufgeschreckt - so wie die Frau in der biblischen Erzählung. Wenn wir dann selber erschöpft und krank sind, kippt die Waage von Geben und Nehmen zur anderen Seite: Plötzlich sind wir auf andere angewiesen und müssen viel annehmen.

Ein solches Ungleichgewicht von Geben und Nehmen kann aber seine Ursache auch in unserer inneren Haltung haben. Sie kennen sicher den Spruch: "Geben ist seliger denn Nehmen." Wir sind so erzogen worden, dass ein guter Mensch gibt; sich selber etwas nehmen, das tut man nicht! Viele opfern sich auch auf, um es allen recht zu machen. Aber wir geben auch oft mit Hintergedanken: "Die anderen müssen doch irgendwann merken, was ich alles für sie tue; ich muss doch einmal etwas dafür zurückbekommen." Dabei ist jeder von uns selbst dafür verantwortlich, für das zu sorgen, was er für sein Leben und Wohlbefinden braucht. Denn: Wer richtig geben will, der muss auch nehmen können. Aber wie geht es uns, wenn wir etwas annehmen? Fühlen wir uns dann abhängig, oder haben wir das Gefühl, etwas schuldig zu bleiben?

Mut zum Nehmen

Die Frau im Evangelium hat nicht nur diese inneren Hürden zu überwinden, um für ihr Heilwerden zu sorgen. Das gesellschaftliche Tabu verbietet ihr als "Unreiner", sich andern zu nähern oder sie gar zu berühren. Aber da geschieht das Wunder: Diese Frau durchbricht den Teufelskreis des einseitigen Gebens und Sich-Verausgabens. Sie spricht sich selber Mut zu - und nimmt. Sie nimmt einen Zipfel des Gewandes Jesu in ihre Hand. Sie öffnet sich für die heilsame Kraft, die von Jesus ausgeht. Sie, die immer gab, bekommt neue Kraft. Und sie spürt, wie ihre Lebenskraft nun in ihr bleibt. Auch ihr Körper wird wieder heil und ganz. Lebensfreude und Lebenslust kehren in sie zurück. Das ist das eigentliche Wunder, das das Evangelium uns mitteilen will.

Gleichgewicht von Nehmen und Geben macht heil

Und in unserem Leben? Ich denke, dass auch heute solche Wunder geschehen können und tatsächlich geschehen. Wie diese Frau können auch wir beginnen, mehr auf unsere innere Stimme zu hören und unserer Intuition zu folgen. Dann nehmen wir uns selbst mit unseren Bedürfnissen wieder wahr. Wir lernen für uns selbst zu sorgen und dafür aktiv zu werden. Wie kann das im Alltag aussehen? Vielleicht gönnen wir uns öfter eine Zeit ganz für uns selbst, in der uns niemand stören darf. Oder wir lassen die Arbeit einmal liegen und tun etwas, wozu wir gerade Lust haben: einen Spaziergang machen, ein schönes Buch lesen, Musik hören, ein Bad nehmen... Wir dürfen dabei auch innere und äußere Tabus brechen: zum Beispiel einmal Nein sagen, wenn andere ständig mit ihren Erwartungen an uns herantreten.

Nehmen können meint auch, von ganzem Herzen ein Geschenk von jemandem anzunehmen, ohne sich gleich zu einer Gegenleistung verpflichtet zu fühlen. Nicht zuletzt muss mancher von uns auch lernen, Hilfe anzunehmen oder gar einzufordern, so wie es uns die Frau im Evangelium vorlebt. So erlauben wir uns, zu nehmen und anzunehmen, ohne schlechtes Gewissen. Denn nur wer auch nehmen kann, kann auch richtig geben. Auf diese Weise kommt die Waage von Geben und Nehmen in unserem Leben ins Gleichgewicht. Und unser inneres, seelisches Gleichgewicht wirkt sich auch heilsam auf unseren Körper aus.
Das Evangelium spricht heute auch Ihnen Mut zu: "Du darfst dir nehmen, was du für ein erfülltes Leben brauchst."

Claudia Simonis-Hippel, in: Gottes Volk B 6/2006, Bernhard Krautter/Franz-Josef Ortkemper (Hg.), Verlag Katholisches Bibelwerk, Stuttgart 2006, S. 13-24.

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* Lebensform *

 

"Die Verschiedenheit der kulturellen und nationalem Herkunft, der Lebensalter und der Veranlagungen, der Begabungen und der Fähigkeiten sind unser Reichtum. Es eint uns die gleiche Berufung zur Nachfolge und der gemeinsame Auftrag Pallottis, wenn wir auch innerhalb der Gemeinschaft verschiedene Aufgaben erfüllen". (Lebensform 91)

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"Im Zentrum unseres persönlichen und gemeinschaftlichen Lebens steht Christus, der Apostel des Ewigen Vaters. Sein Auftrag formt unser Denken, unsere Spiritualität, unser Gebet, unser Tun und Leiden." (Lebensform 19)

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"Als Jüngergemeinde sind wir um Christus, den Apostel des himmlischen Vaters, versammelt. Wie die Jünger wollen wir mit Jesus leben, werden von ihm ausgesandt und kehren zurück, um unser Tun in seinem Licht zu prüfen". (Lebensform 88)

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„Es ist unser besonderes pallottinisches Charisma, bei den Laien das Wachsen im Glauben und in der Liebe zu fördern, das Bewusst sein ihrer apostolischen Berufung zu wecken und mit ihnen zusammenzuarbeiten in der apostolischen Sendung.“ (Lebensform 21)

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"Unsere Beziehungen zueinander sollen geprägt sein vo der Liebe, die alles trägt, glaubt und hofft. Diese Liebe ist ohne Überheblichkeit und Eifersucht, sie verletzt nicht, läßt sich nicht erbottern und trägt nichts Böses nach. Sie wird nicht entmutigt, sondern bleibt freundlich und geduldig. Sie freut sich mit den anderen und trägt ihr Leid mit. In dieser Liebe sollen wir einander fördern und stützen". (Lebensform 90)